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  • Hier gibt es ein bisschen Statistik dazu, die auch den ländlichen Raum einbezieht:

    https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/erreichbarkeit-zentrale-orte.html

    Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist Deutschland wenig zentralisiert und verfügt über ein breites Netz an Zentren. Rund 97 Prozent der Bevölkerung erreichen das nächste Mittel- oder Oberzentrum innerhalb von 20 Minuten Fahrzeit mit dem Pkw.

    Mit einem gut ausgebauten ÖPNV wäre das gar kein Problem. Und dass der entfernt von den Ballungsgebieten nicht gut genug ist, ist gar keine Frage.

    Aber, andererseits, 20 Minuten Fahrtzeit mit dem PKW sind bei einer mittleren Reisegeschwindigkeit von 60 km/h auch nicht mehr als ca. 20 Kilometer. Das kann man mit einem Ebike unter umständen noch schaffen, in ca. einer Stunde. Aber ein minimales Nahverkehrsnetz muss da schon irgendwie her. Mit einem etwas dichteren Busnetz sollte das zu schaffen sein. Wenn Länder in Mittel- und Südamerika das können, warum sollte Deutschland - eines der reichsten Industrieländer der Welt, wirtschaftlich stärkstes Land der EU, einem Staatenbund von Industriestaaten, und das am dichtesten besiedelte Land Europas - das nicht können?

    Und zurück zur Statistik: Laut der Karte unter dem Link ist die Fahrzeit zum nächsten Mittel- oder Oberzentrum in ca. der Hälfte der Orte in Süd- und Westdeutschland mit dem Auto unter 10 Minuten. Bei realistischen 60 km/h Reisegeschwindigkeit sind das gerade mal 10 Kilometer, also maximal eine halbe Stunde mit dem eBike. Warum sollte das für diese Orte nicht zu machen sein??





  • Du vergisst halt den entscheidenden Faktor, der ein Auto gut macht: Zeit. Ich mache zB einen Wocheneinkauf für einen 4-Personenhaushalt und kaufe einmal im Monat Getränke für diesen ein (Kombi ist dann komplett voll). Mit dem Rad wäre ich da 4-5 mal so häufig unterwegs. Diese Zeit habe ich nicht.

    Ich denke da gibt’s mehrere Effekte. Einer ist, dass man sich ohne Auto etwas anders organisiert. Z.B. macht man dann den Wocheneinkauf für vier Personen vielleicht mit eBike und Anhänger, und lässt sich die Geränke liefern. Oder man nimmt Sprudler statt Mineralwasserkästen. Oder nutzt ein Lastenrad. Tendenziell mache ich bei Einkäufen eher häufigere kleinere Ladungen. Umgekehrt bei Langstrecken wie Besuchen eher etwas seltenere aber dafür längere Besuche. Ebenso bei Reisen. Ich mache auch mit Fernzug oder Fahrrad so gut wie keine Wege, wo ich länger hin und zurück unterwegs bin als ich Zeit am Zielort habe.

    Das Zweite ist, dass man mit dem Auto automatisch, weil es schneller ist, um so längere Wege zurück legt. Das passiert unbewusst und Gewohnheit ist ein massiver Faktor. Unterm Strich spart man deswegen keine Zeit. Ein radfahrender Bewohner von Amsterdam oder Kopenhagen wird nicht mehr Zeit mit täglichen Wegen verbringen als ein autofahrender Bewohner von Los Angeles. Eher viel weniger, weil es extrem lange Wege, massive Staus, und keine Alternative zum Auto gibt. In deutschen Städten, wo beides geht, ist das eher so wie in Kopenhagen; wenn man ständig länger mit dem Auto bräuchte, würden die Autonutzer halt Öffis fahren. Auch in München ist das so - auf dem Mittlerem Ring kommt man nicht schneller voran als mit der S-Bahn, und das Fahrrad ist auf kprzere Entfernungen oft etwas schneller als Letztere. (Ich rede nicht von Situationen wo es schlicht überhaupt nicht geht, weil z.B. als Folge der vom Auto ausgelösten Zersiedlung gar keine Geschäfte mehr in Fahrradentfernung sind.)

    Die mittlere Zeit für tägliche Wege ist ca. eineinhalb Stunden am Tag - unabhängig von Verkehrsmitteln und Kulturkreis, seit dem Neolithikum! Man nennt das die Marchetti-Konstante. Mehr zu diesem Zusammenhang vom Verkehrswissenschaftler Rudolf Pfleiderer in seinem Artikel “Das Phänomen Verkehr”. Die autozentrische Verkehrsplanung ignoriert den Zusammenhang, denn würde man ihn berücksichtigen, bräuchte man weniger Autos.

    Dazu kommt halt noch, dass ein Auto Geld kostet. Und dieses Geld muss erst mal verdient werden und das kostet zusätzlich Zeit. Das wird in der Regel stark unterschätzt.



  • viel Müll, laut und (ja!) auch Abgase bei

    Paradoxerweise ist im Speckgürtel und etwas ausserhalb der grossen Städte die Luftbelastung besonders hoch. Nämlich mit

    1. Ozon, das durch elektrochemischen Smog insbesondere die Stickoxide aus Autoabgasen gebildet werden. Die bauen einerseits bei starker Sonneneinstrahlung das sehr lungenschädliche Ozon katalytisch auf. Andererseits bauen genau dieselben Chemikalien das Ozon dann des Nachts auch wieder ab. Nur der letzte Prozess funktioniert abseits der Städte nicht so gut, als bleibt das Ozon länger in der Luft. Kann man im Sommer gut an den Umweltmessdaten z.B. bei Kachelmann.de beobachten.
    2. Zumindest hier in Oberbayern die zahllosen unzulässigen Holzkaminöfen “auf dem Land”, die dann im Winter Feinstaub in die Luft blasen wie nix gutes.

    Es ist also nicht gesagt, dass der gutsituierte Einfamilienhausbesitzer und sein Nachwuchs “auf dem Land” bessere Luft atmen als der Pöbel, äh Normalverdiener in der Stadt. Eher schlechtere.


  • Ich widerspreche lediglich deiner Aussage “ich fahre problemlos 13.000 km pro Jahr mit ÖPNV, also kann jeder, der 13.000 km pro Jahr E-Auto fährt, auf ÖPNV umsteigen”.

    Nun, dass das jeder kann, habe ich nicht geschrieben, und auch nicht gemeint. Was ich sagen will sind im Wesentlichen zwei Dinge:

    1. Die beeindruckend klingenden 14000 Kilometer pro Jahr relativieren sich sehr schnell, wenn man schaut was für Entfernungen man unter halbwegs günstigen Voraussetzungen (ich meine, München ist jetzt auch nicht gerade die Welthauptstsdt des Fahrrads) mit Fahrrad, ÖPNV und Fernzug jährlich zurück legen kann.
    2. Wenn das Durchschnittsauto jährlich 14000 Kilometer fährt, dann fährt mindestens die Hälfte aller Autos weniger. Und zwar, weil die entsprechenden statistischen Verteilungen fast immer einige wenige hohe Zahlen (Vielfahrer), und viele niedrige Fälle (die rund 50% der Autos die täglich rum stehen) enthalten, fahren wahrscheinlich viele noch deutlich weniger.

    Woraus sich dann einmal mehr die Frage stellt, ob wirklich überhaupt so viele Autos benötigt werden.




  • Für gesunde Leute mit überschaubaren Distanzen und ohne großen Transportbedarf ist Fahrrad perfekt.

    Nur noch speziell zum Punkt “Transportbedarf”: Mit stabilen Packtaschen (Vaude) und Rucksack kann ich auf dem Rad bequem 18 oder 20 Kilo Einkäufe transportieren. Das ist für unseren 2-Personen-Haushalt meist schon mehr als genug. Mit einem stabilen faltbaren Anhänger (https://hinterher.com/) können wir problemlos 50 Kilo zusätzlich, oder 4 Kästen Bier transportieren. Ein Lastenrad mit 400 Kilo könnten wir vom lokalen ADFC leihen - haben wir bisher noch nicht gebraucht. Ganz große Sachen wie ein Sofa lassen wir halt liefern. Ein Großraumtaxi hab ich auch schon mal benutzt… vor 11 Jahren.

    Das ist halt wieder so ein Werbetrick der Autoindustrie, man brauche ein Fahrzeug für alle Lebenslagen. Was zum absurden amerikanischen Lebensstil führt, mit dem spritfressenden Pick-Up zur Arbeit zu pendeln. Aber praktischer ist doch: Wenn man umzieht, bucht man einen Möbelwagen. Und wenn man fix ins Krankenhaus muss, gibt es einen Krankenwagen.





  • Die Jahresfahrleistung von E-Autos betrage im Schnitt 14.600 Kilometer, während es bei allen Wagen 13.700 seien, bei neueren Verbrennern ab dem Zulassungsjahr 2020 aber durchschnittlich 16.800 Kilometer.

    Das sind bei Licht betrachtet lächerlich geringe Entfernungen, die man ganz (edit) oft noch recht mühelos auch ohne Auto zurücklegen kann.

    Ich zum Bespiel fahre ca alle vier Wochen im ICE die Strecke München-Berlin, um meine Eltern oder andere Verwandte zu besuchen. Das sind 590 Kilometer, bei 12 Reisen im Jahr schon etwas über 13000 Kilometer. Vielleicht auch mal nur 11000.

    Zur Arbeit fahre ich an 250 Tagen im Jahr, meist mit dem Rad, sonst - vor allem bei sehr schlechtem Wetter - mit der S-Bahn. (Ich bevorzuge das Rad, weil es gesünder ist, es ist aber von Tür zu Tür auch ein bisschen schneller.) Einfache Fahrt 14 Kilometer, das sind im Jahr dann noch mal 7000 Kilometer. Halt, ich kann normalerweise 1 Tag pro Woche Home Office machen, also 5600 Kilometer.

    Die Freizeitbeschäftigungen und den Urlaub lasse ich mal weg (auch das geht prima mit dem Zug).

    Ich bin also ziemlich genauso weit unterwegs wie der durchschnittliche Autofahrer, ohne überhaupt ein Auto zu haben oder zu brauchen. Im Durchschnitt sind aber auch eben die Leute enthalten, die im Aussendienst z.B. Spezialmaschinen verkaufen und jeden Monat zehntausend Kilometer und mehr zurück legen. D. h. schon der Median wird deutlich darunter liegen.

    Nun ist natürlich klar, dass der typische Landbewohner, der jede Woche von Oberammergau nach Warschau oder Belgrad pendelt, um Spargel zu stechen, oder die berühmte alleinstehende, alleinerziehende, einbeinige Krankenschwester mit drei Kindern, die in der sächsischen Provinz lebt, längere Entfernungen zurück legen. Härtefälle gibt’s, keine Frage. Diesen so gar nicht privilegierten Leuten würde ich nicht das harte Leben noch schwerer machen wollen. Aber, ganz ehrlich - die autozentrierte Infrastruktur existiert nicht als Wohlfühlveranstaltung für Härtefälle (sondern als Wohlfühlveranstaltung für Autofirmen).

    Ich weiß natürlich, dass nicht jede/r Lust haben wird, 40 oder 50 Minuten mit dem Rad zur Arbeit zu pendeln. Besonders wenn es ungewohnt ist. Genau auf die Bequemlichkeit zielt die Werbung fürs Auto ja ab. Aber wenn man es mal ganz nüchtern betrachtet und die süße Droge aus Benzingeruch und morgendlichen Stauwarnungen weg lässt: Wer es körperlich und gesundheitlich schafft, am Wochenende mal ganz entspannt zwei Stunden zu wandern, dürfte es auch am Montag schaffen, eine halbe Stunde Rad zu fahren. Und diese zehn Kilometer oder weniger machen erwiesenermaßen die Mehrzahl aller Autofahrten aus.

    Völlig absurd wird es, wenn man über die Kosten nachdenkt. Für meine Fahrten mit dem ICE Sprinter nach Berlin gebe ich ca. 100 Euro pro Monat aus. Fürs Deutschlandticket 58 Euro. Mein Tourenrad habe ich als Ausstellungsfahrzeug vor 10 Jahren für 1300 Euro gekauft und hatte jetzt nach 10 Jahren eine grössere Reparatur, bei der für 380 Euro die Shimano Alfine samt Felge ersetzt wurde. Bei dem was Leute fürs Auto ausgeben, kann ich nur den Kopf schütteln.

    Denn letztlich: Ein Privatauto, dass man nicht zum Pendeln für wirklich nennenswerte Strecken, oder mehrmals die Woche für grössere Entfernungen benötigt, kann einfach nicht wirtschaftlich sein - dafür sind die Fixkosten zu hoch.